Sicherheit und Gesundheit

5 Fragen an Dr. Sigrun Fuchs

»Sorgearbeit ist eine fundamentale Basis der Gesellschaft, die längere Zeit aus dem Blick geraten war.«

Dr. Sigrun Fuchs, Referentin bei der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen

Frau Dr. Sigrun Fuchs beschäftigt sich seit dem Jahr 2012 beruflich intensiv mit dem Pflegethema und sucht nach Möglichkeiten, um pflegende Beschäftigte zu unterstützen. Grund dafür sind die sich in Thüringen abzeichnenden Entwicklungen, die sich zukünftig mehr als alarmierend darstellen werden. Zusätzlich engagiert sie sich ehrenamtlich, um das Thema häusliche Pflege in der Gesellschaft zu stärken. Aus dem eigenen Erleben sind ihr die Herausforderungen Familie, Pflege und Beruf zu vereinbaren gut bekannt.

Können Sie die Entwicklung der häuslichen Pflege in Thüringen kurz skizzieren und uns einen Überblick zu den erwerbstätigen Angehörigen geben?
Wenn über „Pflege“ gesprochen wird, stehen vorrangig fehlende Pflegekräfte, hohe Eigenanteile für Bewohner stationärer Pflegeeinrichtungen und das Defizit der Pflegekassen im Fokus. Oft wird übersehen, dass mit 87 % der Großteil der Pflege in der Häuslichkeit stattfindet und dass diese überwiegend von Angehörigen geleistet wird. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in häuslicher Pflege hat sich seit 2017 in Thüringen verdoppelt. Soweit überhaupt eine Pflege durch einen Pflegedienst erfolgt, findet diese oft nur für kurze Zeiteinheiten bzw. nur an wenigen Tagen statt und ergänzt professionell die Pflege durch Angehörige. Etwa 2/3 der Hauptpflegepersonen sind selbst noch nicht im Rentenalter und es ist davon auszugehen, dass etwa 100.000 Beschäftigte in Thüringen privat in Pflege eingebunden sind. In vielen Unternehmen sind schätzungsweise 20 % der Beschäftigten – Statistiken hierzu gibt es nicht – in Pflege eingebunden, auch viele männliche Beschäftigte. Von den pflegenden Beschäftigten kümmert sich etwas mehr als die Hälfte um Eltern und Schwiegereltern, knapp ein Viertel um pflegebedürftige Kinder und die übrigen um den Partner oder die Partnerin. Die Einschränkungen und der Krankheitsverlauf der pflegebedürftigen Menschen unterscheiden sich stark. Eine sichere Vorhersage von weiteren Entwicklungen mit zeitlichem Bezug ist fast immer unmöglich. Diese Tatsache hat weitreichende Folgen für Arbeitgeber aller Branchen und Größe.

Was passiert, wenn die Arbeitswelt plötzlich auf das Thema Pflege trifft?
Die meisten Menschen kommen unvorbereitet in eine Pflegesituation. Zum Beispiel im Fall eines Sturzes, der zu dauerhaften Einschränkungen der Mobilität oder einer fortschreitenden demenziellen Erkrankung von Betroffenen führen kann. Häufig muss kurzfristig eine Lösung gefunden werden, um die häusliche Pflege abzusichern. Für pflegende Beschäftigte hat die berufliche Tätigkeit einen hohen Stellenwert. Denn sie sichert das Einkommen und ermöglicht soziale Kontakte sowie Anerkennung außerhalb des Pflegekontextes. Aus diesen Gründen wird überwiegend versucht, die berufliche Tätigkeit neben den zumeist wachsenden Pflegeaufgaben in möglichst hohem Umfang fortzusetzen. Aufgrund des hohen Zeitaufwandes für Pflege und der häufig fehlenden Unterstützungs- und Entlastungsleistungen reduziert ein Teil der pflegenden Beschäftigten seine Arbeitszeit. Angesichts des in vielen Branchen herrschenden Fachkräftemangels stellt die Arbeitszeitreduzierung die Arbeitgeber vor schwierige Entscheidungen. Pflegende Beschäftigte sehen sich mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert. Sie haben unterschiedliche Fähigkeiten und Voraussetzungen damit umzugehen. Diese resultieren aus ihrer Rolle im Pflegesetting – Hauptpflegeperson oder unterstützende Rolle –, der Familienkonstellation, dem sozialen Netz, dem Bildungsstand, den finanziellen Ressourcen, der Vorerfahrung, den Angeboten vor Ort und der Pflegedauer. Auch der Gesundheitszustand des pflegebedürftigen Menschen sowie der eigene Gesundheitszustand spielen eine wichtige Rolle. Viele pflegende Beschäftigte erleben massiven Zeitmangel, fühlen sich von den verwaltungstechnischen Anforderungen überfordert und finden keine passenden Entlastungsangebote. Außerdem sehen sie sich mit den schwer zu realisierenden Wünschen der pflegebedürftigen Person konfrontiert. Sie erleben moralischen Druck und Arbeitsverdichtung im Beruf. Dies führt zu hohen physischen und psychischen Belastungen – oft zu Erschöpfung und in der Folge zu einem höheren Krankenstand.

Was wünschen sich pflegende Angehörige von ihrem Arbeitgeber?
Im Prinzip eine pflegesensible Unternehmenskultur, die sie in der Situation unterstützt. Dies steigert gleichzeitig die Attraktivität der Arbeitgeber im Ringen um Fachkräfte. Dazu bedarf es einer offenen Kommunikation, die auch Gespräche über private Belastungssituationen ermöglicht und verschiedener Kenntnisse über die Rahmenbedingungen, denen sich pflegende Beschäftigte gegenübersehen. Gezielte Unterstützungsmöglichkeiten von Seiten des Arbeitgebers sind wichtig – als Voraussetzungen für den langfristigen Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit von Mitarbeitern. Passgenaue Angebote für pflegende Beschäftigte im Unternehmen oder der Institution zu entwickeln, ist dabei angesichts von Fachkräftemangel und schwierigen wirtschaftlichen Situationen nicht einfach. Erschwerend kommt hinzu, dass Pflege immer anders ist – im eigenen Haushalt, im Nachbarhaus, im Nachbarort, 50 oder 300 km entfernt. Standardlösungen helfen oft nicht weiter. Es empfiehlt sich deshalb, dass sich eine oder, je nach Größe der Beschäftigtenzahl, auch mehrere Personen im Unternehmen gezielt mit diesem Thema beschäftigen.

Welche Aufgabe hat ein betrieblicher Pflegelotse und welche Rolle nimmt er ein?
Ein vielfältig erprobtes Mittel ist die Schulung zum Pflegelotsen oder Pflege-Guide. Dies sind Personen, die unabhängig von ihrer beruflichen Tätigkeit als erster Ansprechpartner für pflegende Beschäftigte fungieren und die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege im Unternehmen oder einer Institution voranbringen. Beschäftigte, die diese Aufgabe übernehmen, müssen dabei nicht zwingend in der Personalabteilung tätig sein. Oft sind es Mitglieder von Betriebsräten, Gleichstellungsbeauftragte, BEM-Verantwortliche oder Mitarbeitende, die selbst schon im Privaten Pflege geleistet haben und über eigene Erfahrungswerte verfügen. Diese Pflegelotsen wissen, was häufige Problemlagen von pflegenden Beschäftigten sind. Sie kennen betriebliche und regionale Unterstützungsmöglichkeiten, Informations- und Beratungsangebote und stehen als erste Ansprechpartner für Fragen zur Verfügung. Vor allem für Beschäftigte, die sich plötzlich um einen pflegebedürftigen Angehörigen kümmern müssen, ist dies eine große Hilfe, da das Pflegesystem sehr komplex ist und die erfolgende Orientierung als sehr entlastend empfunden wird. Sofort sinkt das Gefühl der akuten Überforderung und es können konkrete Schritte organisiert werden, die Fürsorgearbeit und Berufstätigkeit nebeneinander ermöglichen. Pflegelotsen informieren aber auch über Möglichkeiten externer Entlastung und Unterstützung durch ambulante Pflegedienste, Tagespflegen und Nachbarschaftshilfe. Sie verweisen auf die Beratungsangebote der Pflegekassen und an Pflegestützpunkte, soweit regional vorhanden. In direkten Gesprächen begleiten sie den Beschäftigten passend zur aktuellen Pflegesituation und geben Hinweise, wo und wie Entlastung erreicht werden kann, damit die Beschäftigungsfähigkeit erhalten bleibt. Dies dient dem Beschäftigten wie dem Arbeitgeber gleichermaßen. Wenn es gut gelingt, eine Balance zwischen den zu leistenden beruflichen Arbeitsaufgaben und der privaten Fürsorgearbeit herzustellen, können der Krankenstand und die ungeplanten Ausfälle sinken.

Welche Unterstützungsangebote hält die LEG Thüringen bereit?
Thüringer Arbeitgeber erhalten auf dem Weg zu einer pflegesensiblen und familienorientierten Unternehmenskultur Hilfestellungen durch die LEG Thüringen. Seit fast 20 Jahren bietet die LEG konkrete Angebote für Thüringer Arbeitgeber im Bereich Beruf und Familie und informiert zu Umsetzungsmöglichkeiten. Das mit den Betrieblichen Pflegelotsen und dem Betrieblichen Pflegekoffer und bei Führungskräfteschulungen gewonnene Wissen sowie die Erfahrungen vieler Thüringer Unternehmen können die Umsetzung von Veränderungsprozessen zu mehr Arbeitgeberattraktivität erleichtern.

Weitere Informationen erhalten Sie unter www.thaff-thueringen.de

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