5 Fragen an Elvira Volk
Elvira Volk begleitet seit mehr als zehn Jahren Teams von Wohnbereichen, Pflegediensten, Heimleitungen, Pflegeheimen und anderen sozialen Einrichtungen. Sie verfügt über eine große Fachexpertise, hat starken Bezug zur Praxis und kann individuell auf die Bedürfnisse eingehen, um ein passgenaues Coaching für Teilnehmer anzubieten. Weiterhin ist sie mit organisatorischer Systemaufstellung betraut, die viel Prozessarbeit beinhaltet. Ziel dabei ist es, gewisse Dynamiken in Unternehmen zu erkennen, um lebendige Lösungsvarianten zu erarbeiten, die dem Unternehmen und den Mitarbeitern zugleich dienlich sind.
Wie beschreiben Sie Gewalt in der Pflege und im Gesundheitswesen?
Gewalt hat tatsächlich viele Gesichter. Sie bringt u. a. eine Bandbreite von inakzeptablen Verhaltensweisen mit sich. Eine Form kann sein, wenn Pflegepersonal dem Patienten, die Kleidungsstücke förmlich überhilft, obwohl der Patient diese Tätigkeit noch allein ausüben kann. Gewalt kann von Angehörigen ausgehen, z. B. im Falle eines verbal aufgebrachten Vaters, der nach einer schweren Operation sein Kind besuchen möchte, obwohl der Zutritt in dem Moment auf der Intensivstation nicht möglich ist. Viele Menschen suchen in der Notaufnahme Hilfe, da Fachärzte rar sind und kaum Termin vergeben. Dort lassen sie über die Missstände der medizinischen Versorgung „Dampf ab“ oder beschimpfen aus Frust das Personal. Gewalt kann natürlich auch von Vorgesetzten ausgehen, die einen des-truktiven Führungsstil leben. Häufig drohen sie verbal dem Mitarbeiter oder verlieren ihm gegenüber die Fassung – infolge von Überlastung bzw. Stress. Überwiegend finden in den Einrichtungen jedoch Übergriffe von Patienten auf das Personal statt. Vielleicht vor dem Hintergrund, dass die Zündschnur bei vielen Menschen kürzer geworden ist. Dadurch wirkt die Kommunikation untereinander insgesamt ruppiger und die Schwelle zu Respektlosigkeit sowie Intoleranz wird häufig übertreten. Aktuell wurde in einer Einrichtung eine weibliche Pflegefachkraft von einem alkoholisierten Mann geschlagen. Er passte die Pflegekraft auf dem Gelände in ihrer Pause ab und drang in ihren geschützten Bereich ein.
Ist die Problematik in den Einrichtungen ein Tabuthema?
Diese Themen begleiten mich in meiner Tätigkeit schon viele Jahre in den Einrichtungen. Allerdings nehme ich wahr, dass in der letzten Zeit zunehmend mehr durch die Medien, sozialen Netzwerke und mittels Kampagnen dafür sensibilisiert wird. Die Mitarbeiter in den Einrichtungen sind dankbar, dass diese Themen gesellschaftlich mehr in den Fokus rücken. In den Teams wird vermehrt die Problematik platziert und direkt gegenüber der Pflegeleitung gespiegelt, insbesondere, was die Sicherheit betrifft. Leider sind die Konzepte für Akutsituationen nicht immer ausgreift und weisen erhebliche Lücken auf. Persönlich habe ich erlebt, dass eine Nachtschwester auf Station allein für 30 Patienten zuständig ist. Das Sicherheitskonzept sieht in dem Fall vor: im Akutfall die Verwaltung telefonisch kontaktieren. Allerdings ist diese nicht 24/7 erreichbar.
Können Sie uns mögliche Ursachen dafür erklären?
Die Ursachen sind sehr facettenreich. Im Gesundheitswesen arbeiten vermehrt Menschen, die über ihre eigenen Grenzen gehen. Sie sind hilfsbereit und nehmen oft zu viel auf sich, um teilweise Missstände oder Personalmangel zu kompensieren. Diese engagierten Personen gehen häufig über ihre Leistungsgrenze hinaus und gelangen dadurch automatisch in eine Erschöpfungsspirale, die sich auf körperlicher und psychischer Ebene zeigt. Als optimale Unterstützung möchte ich die Supervision ins Feld führen, die oftmals nur sehr wenige Häuser anbieten. Ein weiteres hilfreiches Instrument sind regelmäßige Teamsitzungen, in denen zwischenmenschliche sowie soziale Themen diskutiert werden sollten. Sehr große Stressoren und daraus resultierende Ursachen sind unklare Abläufe, unklare Zuständigkeiten, unklare Kommunikation sowie unzureichende Sicherheitskonzepte. Viele Mitarbeiter formulieren mir gegenüber, dass sie sich an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr sicher genug fühlen. Eine Situation aus der Notaufnahme: Personen, die unter Drogen- oder Alkoholeinfluss stehen, werden von der Polizei mit Handschellen eingeliefert und dort dem Personal überlassen. Hier wäre eine andere Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsorganen und den Krankenhäusern wünschenswert. Eine weitere Ursache ist der Umgang mit fremden Kulturkreisen. Sie haben ein anderes Verständnis von Regeln, sind oft sehr fordernd und wegen der Sprachbarriere gestaltet sich die Kommunikation schwierig. Demzufolge sind die Menschen im heutigen Gesundheitswesen Faktoren ausgesetzt, die weit über das eigentliche Berufsbild hinausgehen.
Was können Unternehmen und Mitarbeiter tun, um dem Thema offen zu begegnen?
Die Antwort liegt schon in der Frage. Offen ansprechen – und das über einen längeren Zeitraum. Dabei darf die Kommunikation nicht einseitig gerichtet sein. Denn jeder trägt eine oder besser gesagt seine Mitverantwortung im Unternehmen. Persönlich empfehle ich den Mitarbeitern, ihre Themen, Ängste und Sorgen zu verschriftlichen und parallel dazu einen möglichen Lösungsvorschlag zu erarbeiten. Unter dem Motto »Was würde uns helfen«, gepaart mit der Bitte um Umsetzung in einem bestimmten Zeitfenster. Somit können Führungskräfte von Anfang an einbezogen werden. Denn am Ende haben die Beschäftigten an der Basis den besten Einblick und können Veränderungsprozesse aktiv anstoßen. Eine große Rolle spielt dabei die Unternehmenskultur in den Einrichtungen. Das Verständnis von Sicherheit und Gewaltprävention ist immer noch nicht ausreichend etabliert, da die Einrichtungen die Mitarbeitenden nicht an erster Stelle sehen.
An wen können sich hilfesuchende Beschäftigte wenden?
Zuerst innerhalb des Hauses an die zuständigen Stellen – die aus meiner Erfahrung in der Praxis die Mitarbeiter nur unzureichend kennen. Neben der Teamleitung existieren noch viele Unterstützer in den eigenen Reihen. Zum Beispiel die Personalabteilung, der Betriebsarzt, die Fachkraft für Arbeitssicherheit oder Sicherheitsbeauftragte, um nur einige Akteure zu nennen.
Besonders hervorheben möchte ich die Unfallkasse Thüringen. Sie hat die Wichtigkeit des Themas erkannt und bietet für ihre Versicherten Seminare an. Auch das Angebot »Telefonisch-psychologische Beratung« wird dankbar in den Unternehmen angenommen. Weiterhin sollten die Beschäftigten den Mut aufbringen, Vorfälle zu melden.
Unser Seminarangebot »Deeskalationstraining für Klinik und Pflege« finden Sie unter
www.ukt.de/seminare
Infoblatt: »Telefonisch-psychologische Beratung«
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