5 Fragen an Tanja Kopp
Tanja Kopp gilt als ausgewiesene Expertin für Arbeiten in der Höhe und leitet das Sachgebiet „PSA gegen Absturz/Rettungsausrüstungen“. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie einsatzspezifische Regelwerke, erläutert die Anforderungen in der Praxis und berät sowohl Hersteller als auch Anwender. Im Interview spricht sie über die Bedeutung einer wirksamen Absturzsicherung, die Rolle der richtigen Ausrüstung und die aktuellen Entwicklungen im Bewusstsein.
»Absturzsicherung beginnt bereits bei der Planung.«
Welche Botschaft ist Ihnen beim Thema Absturzsicherung für Verantwortliche in öffentlichen Einrichtungen besonders wichtig?
Die Verantwortung beginnt bereits bei der Bauherrschaft, wenn neue Gebäude errichtet werden. Neben den Landesbauordnungen dient unter anderem die Baustellenverordnung der wesentlichen Verbesserung von Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit. Im Zusammenhang mit Arbeitssicherheit ist die Baustellenverordnung eine der wenigen Vorschriften, die sich nicht nur an Unternehmer und Unternehmerinnen, sondern auch an Bauherren und Bauherrinnen richtet.
Weiterhin dient die Arbeitsstättenverordnung der Sicherheit und dem Schutz der Gesundheit der Beschäftigten beim Einrichten und Betreiben von Arbeitsstätten. Die Technische Regel für Arbeitsstätten (ASR A2.1) „Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen“ wiederum konkretisiert im Rahmen ihres Anwendungsbereichs die Anforderungen dieser Verordnung. Dort finden sich zum Beispiel Anforderungen an die Rangfolge der Schutzmaßnahmen, wenn Gefahr durch Absturz besteht.
Technische und kollektiv wirkende Schutzmaßnahmen, wie etwa Geländer, haben immer Vorrang vor organisatorischen Maßnahmen und vor persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz. Bereits in der Planungsphase ist dies zu berücksichtigen.
Der Gesetzgeber hat somit ein umfangreiches Regelwerk erstellt, um die Sicherheit bei Absturzgefahr so weit wie möglich sicherzustellen. Leider wird dies bei der Planung häufig nicht ausreichend beachtet.
Für mich ist es daher wichtig, allen Verantwortlichen immer wieder deutlich vor Augen zu führen, dass es bei Missachtung dieser Regelwerke zu schweren und tödlichen Unfällen kommen kann. Dafür könnten sie dann in Haftung genommen, also bestraft werden. Die Sicherheit von Menschen muss Vorrang haben vor Kostenersparnis oder architektonischen Anforderungen.
»Technische und kollektiv wirkende Schutzmaßnahmen haben immer Vorrang vor persönlicher Schutzausrüstung.«
Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen – technisch, organisatorisch oder personell?
Der Gesetzgeber sieht vor, dass technische Absturzschutzmaßnahmen Vorrang haben. Lösungen wie Geländer an Absturzkanten oder auch durchsturzsichere Lichtkuppeln und Lichtbänder bieten kollektiven Schutz. Beschäftigte, Kunden und Besucher werden gleichermaßen geschützt.
Eine Zutrittsbeschränkung für gefährdete Bereiche, zum Beispiel ausschließlich durch ein „Zutritt verboten“-Schild, kann dazu führen, dass Personen dieses missachten und sich dadurch in Gefahr bringen.
Eine große Herausforderung sehe ich allerdings tatsächlich darin, dass Menschen persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz benutzen müssen, um sich an Arbeitsplätzen oder Verkehrswegen vor Absturz zu schützen. Neben der geeigneten Ausrüstung und einer tragfähigen Anschlageinrichtung zur Sicherung müssen die Benutzer und Benutzerinnen mindestens alle zwölf Monate in der Theorie kombiniert mit praktischen Übungen unterwiesen werden. Weiterhin sind ein funktionierendes Rettungskonzept und die entsprechenden Rettungsausrüstungen erforderlich. Stürzt eine Person ab und wird durch die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz aufgefangen, muss sie zeitnah aus dieser sogenannten hängenden Situation gerettet werden. Ansonsten besteht die Gefahr eines Hängetraumas. Im ungünstigsten Fall kann die Person dadurch versterben.
Dies macht noch einmal deutlich, dass persönliche Schutzmaßnahmen immer nachrangig zu anderen Maßnahmen zu betrachten und umzusetzen sind.
Wie wichtig ist die Auswahl der richtigen Ausrüstung für eine wirksame Absturzsicherung, und welche Fehler beobachten Sie in der Praxis am häufigsten?
Bei der Auswahl der persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz ist darauf zu achten, dass sie den individuellen ergonomischen Anforderungen entspricht und für den Arbeitsplatz geeignet ist. Insbesondere die Passform des Auffanggurtes ist wichtig. Es gibt ihn in verschiedenen Größen, und manche Hersteller bieten auch Gurte für Frauen an. Sitzt der Gurt nicht richtig am Körper, ist es im Falle eines Absturzes in das System sehr schmerzhaft. Werden Auffangsysteme benutzt, muss eine bestimmte lichte Höhe unterhalb der Absturzkante vorhanden sein. Die genaue Höhe hängt unter anderem von dem zu benutzenden Auffangsystem, der Lage der Anschlageinrichtung und den Angaben des Herstellers in der Gebrauchsanleitung ab.
Doch auch ein ordnungsgemäß und unter Beachtung der individuellen Bedürfnisse ausgewähltes und getragenes Auffangsystem ist unwirksam, wenn keine geeignete oder ausreichend tragfähige Anschlageinrichtung vorhanden ist. Es gibt verschiedene Mängel, die in der Praxis beobachtet werden: angefangen von der Auswahl des falschen Systems über den nicht richtig angelegten Auffanggurt bis hin zu Anschlageinrichtungen, die nicht zugelassen oder auch nicht tragfähig sind. Zugrunde liegt hier häufig eine fehlende oder mangelhafte Unterweisung.
Worauf kommt es an, damit eine Absturzsicherung im Ernstfall zuverlässig schützt?
Unerlässlich ist, dass sich zum Beispiel neben dem Gebäudeeigentümer auch der Arbeitgeber vor Beginn der Arbeiten mit den Gefahren auseinandersetzt und die Rangfolge der Schutzmaßnahmen beachtet. Kann eine Person vor einer Absturzgefahr dann tatsächlich nur mit persönlicher Schutzausrüstung geschützt werden, muss das geeignete System für den Einsatz ausgewählt und die Person theoretisch und praktisch unterwiesen werden. Die Anschlageinrichtung muss von einem weisungsbefugten und fachkundigen Vorgesetzten festgelegt werden. Wird ein Auffangsystem benutzt, ist immer das oben bereits genannte Rettungskonzept zu erstellen und die Rettung ist zu üben.
Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Bewusstsein für Arbeitsschutz und den Einsatz persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz in den letzten Jahren entwickelt?
Das Bewusstsein für Arbeitsschutz und insbesondere für den Einsatz von persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert und insgesamt verbessert. Diese Entwicklung wurde durch strengere gesetzliche Anforderungen, verbesserte Qualifizierung von Arbeitsschutzakteuren und einen Wandel der Sicherheitskultur beeinflusst. Arbeitsschutz wird meistens als integraler Bestandteil professioneller Arbeit angesehen. Unternehmen haben erkannt, dass Unfälle nicht nur menschliches Leid verursachen, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.
Aber auch der technologische Fortschritt trägt zu mehr Akzeptanz bei. Moderne persönliche Absturzschutzsysteme sind komfortabler, leichter und ergonomischer als frühere Generationen. Dadurch steigt die Akzeptanz bei den Benutzern.
Trotz positiver Entwicklungen kommt es jedoch weiterhin zu Absturzunfällen. Ursachen sind häufig fehlende oder mangelhafte Unterweisungen, falsche Anwendung der Ausrüstung oder dass Risiken unterschätzt werden. Deshalb liegt der aktuelle Schwerpunkt vieler Unternehmen nicht mehr nur auf der Bereitstellung von persönlicher Schutzausrüstung, sondern auf der Entwicklung einer nachhaltigen Sicherheitskultur, in der sichere Verhaltensweisen selbstverständlich werden.