»Jede gute BEZIEHUNG braucht einen gesunden ABSTAND.«
Rücksicht im Straßenverkehr kommt an
5 Fragen an Petra Enders, Vereinsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft fahrrad-freundlicher Kommunen in Thüringen e. V. (AGFK-TH) und Landrätin des Ilm-Kreises
Sie haben im Jahr 2025 eine Kampagne zum Mindestabstand beim Überholen von Radfahrenden gestartet. Können Sie uns kurz die Intention dazu erklären und die Inhalte skizzieren?
Es ist der Blick in die Nachrichten, es ist eigenes tägliches Erleben und auch der Blick in die Verkehrsunfallstatistik des Landes 2024, das uns umtreibt. Während die Gesamtzahl der Unfälle gesunken ist, ist die Zahl der Unfälle mit Radfahrenden um knapp 13 % innerhalb eines Jahres gestiegen. Gleichfalls gestiegen ist die Zahl der bei Verkehrsunfällen verletzten Radfahrenden um gut 13 %. Die Zahl der Schwerverletzten ist auf 328 gestiegen (+10 %), die Zahl der Getöten mit 12 unverändert hoch.
Wenn man mit den Menschen redet, warum sie das Fahrrad stehen lassen, kommt man schnell zu dem Punkt, dass sie sich damit unsicher fühlen. Daran müssen wir arbeiten: Es braucht die sichere Umgebung für den Radverkehr, ebenso übrigens für den Fußverkehr, die sichere Infrastruktur, auf der sich auch Kinder allein bewegen können. Und es braucht zugleich das passende Verhalten aller Verkehrsteilnehmenden, sich und andere im Straßenverkehr nicht zu gefährden. Insofern erinnern wir mit unserer Kampagne nur an geltendes Recht, es gilt ja immer der Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung: »Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.«
Der Paragraf 5 legt dann ganz klar das Verhalten beim Überholen fest: Wenn man mit einem Kraftfahrzeug jemanden überholt, der zu Fuß geht oder Rad fährt, so beträgt der Mindestabstand innerorts 1,5 m und außerorts 2 m. Da diese Regelung erst seit 2020 so explizit in der Straßenverkehrsordnung steht, ist sie vielen Verkehrsteilnehmenden nicht bekannt. Mit den Bannern und Plakaten der Kampagne, die in Kürze in vielen Orten Thüringens zu sehen sein werden, weisen wir letztlich nur darauf hin, sich so im Straßenverkehr zu verhalten, wie es erwartet werden kann.
Jede gute BEZIEHUNG braucht einen gesunden ABSTAND. Ein griffiger Kampagnentitel, der sich auf viele Themen übertragen lässt. Leben Sie danach?
Interessante Frage … Im öffentlichen Straßenverkehr ist die Lage ja klar geregelt. Dass sich nicht alle an die Regeln halten, ist leider die traurige Realität. Es geht uns darum, die Vision Zero umzusetzen: keine Verkehrstoten mehr und möglichst wenige Verletzte. Jedes Opfer ist eines zu viel. Mit einem passenden Zusammenspiel zwischen sicherer Infrastruktur und dem Verhalten jeder und jedes Einzelnen ist das möglich, davon sind wir überzeugt.
Haben Sie Daten zu den Überholvorgängen von Radfahrenden in Thüringen ermittelt?
Dazu gibt es, soweit uns bekannt ist, keine offiziellen Messungen der Polizei oder Forschung in Thüringen. Unser Kooperationspartner adfc hat jedoch Messgeräte angeschafft, die man an sein Fahrrad montieren kann, um den Überholabstand zu messen. Solche Messungen sind auch im Rahmen der Kampagne vorgesehen. Unabhängig von Messungen: Ich bin mir sicher, dass jede/-r Radfahrende Situationen kennt, also persönlich erlebt hat, in denen der Überholabstand deutlich zu gering war. Ich bin überzeugt, dass viele Radfahrende lieber ganz auf das Fahrrad verzichten, als derartige Ängste erleben zu müssen. Und es gibt außerhalb von Thüringen mittlerweile mehrere Studien, die sich mit dem Überholabstand befassen. Eine Studie der Hochschule Kempten in Zusammenarbeit mit dem adfc, veröffentlicht im Oktober 2024, ergab, dass bis zu zwei Drittel der Autofahrer Radfahrer auf der Straße zu eng und zu dicht überholen. Der kleinste Wert, der für die Studie gemessen wurde, lag bei unter einem halben Meter.
In einem länderübergreifenden Forschungsprojekt in Österreich, der Schweiz und Deutschland unter Leitung der Salzburg Research Forschungsgemeinschaft, deren Ergebnisse Anfang 2025 veröffentlicht wurden, beobachteten Forschende auf 22 Teststrecken in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 7000 Überholvorgänge von Kfz. Auch hier zeigte sich: Insbesondere bei beengten Straßenverhältnissen sind die Sicherheitsabstände beim Überholmanöver in der überwiegenden Mehrheit der Fälle viel zu gering. Statt der geforderten 1,5 m lagen die Abstände meist nur zwischen 1,0 m und 1,3 m. Und auch bei höherem Verkehrsaufkommen neigten die Autofahrer dazu, knapper aufzufahren, längere Zeit mit zu geringem Abstand hinter den Radlern herzufahren, riskantere Überholmanöver einzuleiten und zu scharf wieder einzuscheren.
Gibt es Partner, die Sie bei der Umsetzung der Kampagne unterstützen und das wichtige Thema in die Fläche tragen?
Die AGFK Thüringen und der adfc sind die Hauptakteure der Kampagne, weitere Partner sind der VCD und die Landesverkehrswacht Thüringen. Gefördert wird die Kampagne vom Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur und der Unfallkasse Thüringen. Auch weitere Partner vor Ort sind herzlich eingeladen, an der Kampagne mitzuwirken. Unsere Mitgliedskommunen und die Ortsverbände des adfc sind dabei unsere wichtigsten Ansprechpartner.
Nach der Kampagne ist vor der Kampagne: Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?
Die Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Thüringen AGFK versteht sich als Dienstleister und Sprachrohr für die Kommunen. Wir beraten, wir vernetzen, wir vermitteln gute Beispiele, zeigen Lösungsmöglichkeiten auf. Wir bieten unseren Mitglieds-kommunen neben Zählgeräten für den Radverkehr auch Weiterbildungen oder eine zweite Meinung bei schwierigen Planungen an. Wir sehen den Alltagsradverkehr ebenso wie den Radtourismus mit allen dahinterstehenden Unternehmen. Es braucht sichere Verkehrswege für den Fuß- und den Radverkehr und wir müssen beides zusammen denken. Es gibt kein Gegeneinander. Einen Schwerpunkt sehen wir beispielsweise in Schulwegen: Sichere Schulwege sind sichere Wege für alle Verkehrsteilnehmenden. Das ist eines der Themen, die unsere Mitgliedskommunen umtreiben. Sie werden sicher wieder in der Öffentlichkeit von uns hören, uns sehen oder über uns lesen.
Steckbrief AGFK-TH
Am 29. April 2009 haben sich interessierte Thüringer Kommunen auf Initiative des Freistaats erstmals unter dem Namen AGFK-TH getroffen. Seit dem 27. August 2019 gibt es einen eingetragenen Verein, seit dem 1. Januar 2025 mit einer Geschäftsstelle mit eigenem Personal. Die AGFK-TH trägt zu einer besseren Vernetzung von Thüringer Kommunen bei, die sich beim Thema Rad- und Fußverkehrsförderung im Alltag und in der Freizeit engagieren.